Tourismus in Zeiten des Krieges

Tourismus in Zeiten des Krieges

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Redactie 25 juillet 2016 66
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg fand eine erste Demokratisierung des Tourismus statt. Tourismus war nicht länger den Reichsten vorbehalten, sondern auch die begüterte Mittelklasse konnte sich nun hin und wieder einen Ausflug leisten. Bei Ausbruch des Krieges kam der Tourismus im besetzten Belgien anfänglich ganz zum Erliegen.  Verkehrsmittel wie Autos und Fahrräder wurden von den Deutschen eingezogen und das deutsche Militär bekam im Zugverkehr Vorrang eingeräumt.  Darüber hinaus konnte die belgische Bevölkerung nur mit Zustimmung der deutschen militärischen Obrigkeit reisen. 
 
Langsam kam jedoch eine besondere Form des Tourismus auf. Deutsche Frontsoldaten die dienstfrei hatten, machten touristische Ausflüge in Belgien, um ihre freie Zeit zu nutzen. Um ihnen zu helfen, veröffentlichten deutsche Soldatenzeitungen touristische Informationen über Belgien. Vor allem Brügge stieß auf großes Interesse. 1915 fragten die deutschen Besatzer an, ob die Stadt Brügge die touristischen Anziehungspunkte der Stadt für die deutschen Soldaten, die Urlaub hatten, wiedereröffnen könnte. 
 
Auch für belgische Soldaten, die in einem längeren Urlaub nicht nach Hause konnten, weil dies in besetztem Gebiet lag, wurden touristische Ausflüge ermöglicht. Häufig ging es hier nach Paris, nach Großbritannien, manchmal ans Mittelmeer oder auch nach Lourdes als „keuscheren“ Zielort.
 
Für britische Soldaten war das „Talbot House“ in Poperinge ein Begriff. Es war ein Entspannungsort, der zwischen 1915 und 1918 durch ungefähr eine halbe Million britischer Soldaten besucht wurde. Von hieraus wurden Ausflüge in das unbesetzte Belgien unternommen oder das Nachtleben von Poperinge erkundet. Auch nach dem Krieg blieb das „Talbot House“ – das noch immer zu besichtigen ist – ein beliebtes Ziel für britische Touristen. Auch die verwüsteten Frontabschnitte in Flandern wurden unmittelbar nach Kriegsende von einer großen Anzahl Touristen besucht. Schon Ende 1918 unternahmen Menschen Ausflüge zur Yserfront und ab 1920 wurden täglich Rundreisen mit dem Bus von Ostende an die Frontlinie angeboten.
 
Sehenswert!
Talbot House
Gasthuisstraat 43, 8970 Poperinge
Poperinge / Talbot House, Visit Flanders, (c)milo-profi photography